Toskana-Feeling am Südhang des Heiligenbergs
- Katrin Uhrich
- vor 4 Tagen
- 5 Min. Lesezeit
Eigentlich bin ich ein Weg, wie jeder andere. Ein Weg, der zu einem Ziel führen soll. Und doch bin ich etwas ganz besonderes, ein sogenannter Touristenmagnet. Damit es sich besonders gut anhört, nennt man mich auch »Sonnenplatz am Südhang des Heiligenbergs«. Mit meinem atemberaubendem Panoramablick auf die alte Brücke, das Schloss, die Altstadt und den Königsstuhl wird unermüdlich geworben.
Auch meine Vegetation ist etwas ganz Besonderes: Sie erinnert nämlich an die Toskana. Und als wahre »Klima-Insel« gehöre ich zu den wärmsten Stellen Deutschlands. So wachsen bei mir die exotischsten Pflanzen wie etwa japanische Wollmispel und amerikanische Zypresse, spanischer Ginster und portugiesische Kirsche, Granatapfel, Bambus, Palmen, Pinien und Zitronen, während im Tal die Pflanzen noch erwartungsvoll vom ersten Frühlingskuss verschlafen träumen.
Aber wer den Ausblick genießen will, muss erst mal Schritt um Schritt Ausdauer und Geduld beweisen. Es ist ratsam, bei den Anstiegen auf das Schritttempo zu achten und mit den eigenen Kräften zu haushalten. Sonst kommt man schnell ins Ächzen, Schwitzen und Schnaufen.
Dann geht’s erst einmal vorbei an prächtig-majestätischen Villen, die zwar ein wenig aus der Zeit gefallen scheinen, aber trotzdem zum Träumen einladen und man stellt sich folgende Fragen: »Wie mag sich das wohl anfühlen, in so einem prächtigen Haus zu wohnen? Wie ist wohl die Inneneinrichtung? Eher modern oder klassisch? Oder eine geschmackvolle Verschmelzung von klassischen und modernen Elementen? Sind die Decken hoch genug für einen prächtigen Kronleuchter? Und gibt es wohl Stuck, der das Ergebnis einzigartiger Handwerkerarbeit ist?«
Die weniger verträumt-romantischen Menschen werden pragmatisch fragen:
»Wie oft muss wohl ein Kronleuchter geputzt werden? Wie hoch sind wohl die Heizkosten? Und wie ist es wohl bei Schnee und Eis an so einem Weg zu wohnen?«
So geht’s weiter hinauf. Während sich der ein, oder die andere wünscht, endlich anzukommen, soll es tatsächlich Menschen gegeben haben, die während des steilen Anstiegs auch noch nachgedacht, diskutiert und philosophiert haben sollen.
Daher habe ich nämlich meinen Namen bekommen: Laut ChatGPT erinnere ich an die enge Verbindung zur Universität Heidelberg und den dort lehrenden Philosophen.
Im 19. Jahrhundert wurde ich vor allem von Studierenden und Professoren der Philosophie und anderen Geisteswissenschaften begangen. Sie nutzten meine ruhige und inspirierende
Umgebung für Gespräche und Reflexionen. Kurzum: Ich spiegele die lange akademische Geschichte Heidelbergs wider.
Für die wissbegierigen Besuchenden wurden einige Denkmäler und Informationsschilder aufgestellt. So gibt es im Philosophengärtchen eine Büste des Dichters Joseph von Eichendorff. Der Lyriker der Romantik kam 1807 nach Heidelberg, um sein Jurastudium fortzuführen. Er verband jedoch das Nützliche mit dem Angenehmen, denn er verliebte sich während seines Heidelberg-Aufenthaltes in Käthchen Förster, die Tochter eines Bäckermeisters. Die Liebe zerbrach aus unerklärlichen Gründen und Eichendorff reiste überstürzt am 05.04.1808 aus Heidelberg ab. Seinen Herzschmerz verarbeitete er dann in dem sehr traurigen Gedicht »Das zerbrochene Ringlein«.
Gerade das Philosophengärtchen lädt an sonnigen Frühlingstagen zum Staunen ein:
Der Blick auf die sandstein-rot-gelb leuchtende Altstadt, den glitzernden Neckar und die Alte Brücke, die sich mit ihren Bögen selbstverständlich in das Neckartal einbettet, berührt einfach das Herz.
Aber über allem thront das Heidelberger Schloss, das seinen ganz eigenen Charme versprüht. Die meisten Betrachtenden können sich dem Zauber nicht entziehen:
Denn es ist, als würde das Schloss kaum merklich, sehr freundlich zu nickend eine Einladung zum Verweilen aussprechen.
Ist es dann auch noch menschenleer, strahlt diese ruhige Atmosphäre Harmonie, träumerische Inspiration und Nachdenklichkeit aus. Sodass manch ein Gast leise vor sich hin summt. Vielleicht sind es Vivaldi’s Jahreszeiten, vielleicht Mozart’s Piano Concerto, vielleicht Debussy’s Clair de Lune. Aber vielleicht wird auch einfach frei Schnauze die ganz eigene Herzensmelodie, die ihren Weg an die Oberfläche findet, gesummt.
Etwas weiter weg vom Philosophengärtchen wird dann an einen zweiten großen deutschen Dichter erinnert: Es ist Friedrich Hölderlin. Auch er konnte sich der Faszination für die Stadt nicht entziehen, weshalb er wohl eines der schönsten Heidelberg-Gedichte verfasste.
So wandern meine Gäste weiter, durch die Schatten der Bäume, die Geschichten der Dichter und Denker zu flüstern. Und sie stellen fest: Hier, wo Gedanken und Träume sich fruchtbar vereinen, gibt es Momente des inneren Friedens.
Der allerschönste Ort auf der Welt oder Dossenheimer Lied 2.0
(Hochdeutsche Fassung)
Mein Herz tanzt vor Freude lebhaft im Zweiachteltakt,
wenn ich den Blick auf deinen goldgelb funkelnden,
mit satten Grün umhüllten Sporenberg,
von der A5 aus wieder erblicken darf.
Wenn ich altbekannte Wege ablaufe,
werde ich für einen kurzen Moment zum Kind
und schmecke Erinnerungen nach Freiheit
und unfassbarer Glückseligkeit.
Du bist der Ort,
an dem ich mich intuitiv auskenne
und wo meine Wurzeln sind.
Du bist mein Symbol für sorglose Beständigkeit,
unbezwingbare Standhaftigkeit denn:
Egal, wie stürmisch die Zeiten auch sind;
Egal, welches Virus auch tobt;
Egal, wie weit Digitalisierung und Globalisierung in unbekannten
Maßen fortschreiten;
Egal, wie blau verfärbt Dein Leitungswasserauch sei :)
Darauf, dass Gevatter,
Leferenz und Co. einladend mit einem Zwinkern glitzern;
oder derSchwabenheimer Hof als Ausflugsziel lockt,
kann ich mich immer verlassen.
Auch die Schauenburg wird immerwährend
über Deinen östlichen Teil andächtig thronen.
Reich beschenkt
mit einer sanften Blütenpracht,
vom HERRN sicherlich selbst erdacht.
Und saftigen Früchten, die nicht nur den Hunger stillen,
sondern lang schlummernde Sehnsüchte erfüllen können.
So wollte ich Dir schon immer einmal sagen:
»Du, oh mein unsagbar wertvolles Dossenheim,
bist der allerschönste Ort der Welt!«
Eine treue Freundin aus der Ferne :)
Da allerschäänschte Ort vun da Welt, oder - Dossemer Lied 2.0
(Dialektfassung)
Mei Härz danzt vor Freud lebhaft im Zweiachteltakt,
wenn isch Dein goldgelb funkelnde,
mit sattem Grün umhüllte Sporeberg
vun der A5 aus widder erblicke däff.
Wenn isch die alde bekɑ̃nnte Weg ablɑ̃f,
wärd ich fer in kɑ̃ze Moment widder ´s Kind
un schmeck Erinnerunge an Freiheit
un unfassbari Glückseelischkeit.
Du bisch da Ort,
wu isch mich intuitiv auskenn
und wu mei Wɑ̃rzeln sinn.
Du bisch mei Symbol fär sorglosi Beschtändischkeit,
ubezwingbari Schtɑ̃ndhaftischkeit, denn:
Egal, wie stärmisch die Zeite ɑ̃ sinn;
Egal, welles Virus ɑ̃ dobt;
Egal, wie weit Digitalisierung un Globalisierung in ubekannde Maße fortschreide;
Egal, wie blau verfärbt Dei Leitungswasser ɑ̃ is :)
Do druff, dass Vatter,
Leferenz un Co. willkomme mit eme Augezwinkern glitzern due;
da Schwomer Hof als Ausflugsziel locke dut,
kann ich mich immer verlosse.
ɑ̃ die Schaumburg wärd immerwährend
iwer Dein östlische Deil ɑ̃dächtig throne.
Reisch beschenkt
mit äre sanfte Blütepracht,
vum HERR sischerlich selwer ausgedenkt.
Un saftische Frücht, wu nät blos de Hunger schtille,
sonnern lɑ̃ng schlummernde Sehnsüschte erfülle könne.
So hab ich Dir schun immer emol sɑ̃ge wolle:
»Du, oh mei usɑ̃gbar wertvolles Dossene,
bisch da allerschänschte Ort vun da Welt!«
E treui Freundin aus da Fern :)
Inspiriert wurde der Text von:
Wie schön bist Du mein Dossenheim
Wie schön bist Du, mein Dossenheim,
vom Neckar bis zum Weißenstein,
vom Heßlich bis zum Höllenbach
im Frühling in der Blütenpracht.
Wenn Pfirsich und die Kirschen blüh'n
hinauf bis zu den Bergeshöhn,
wirst Du bestaunt und bist begehrt;
von Deinen Früchten jeder zehrt.
Drum lieb' ich Dich, mein Dossenheim,
Du trautes Dorf im Blütenhain,
so reich gesegnet von Gottes Hand,
mein liebes, teures Heimatland.
Zur Autorin: Katrin Uhrich konnte ihre Schreibleidenschaft zum Beruf machen: Als Technische Redakteurin bereitet sie komplexe Informationen prägnant und verständlich für ihre Zielgruppe auf. In ihrer Freizeit hingegen verfasst sie gerne humorvolle Texte mit Sprachschnörkeln oder schreibt ein Kinderbuch für ihr Patenkind. Aktuell lebt und arbeitet sie im Dreiländereck Deutschland-Schweiz-Frankreich.
Dieser Text wurde am 1. März 2025 bei der Lesung »Versteckte Erinnerungen zwischen Marktplatz und alten Gassen« vorgetragen. Die Lesung wurde von Leila Mousavi für den Stadtteilverein Neuenheim organisiert. Mitgewirkt haben als Autor:innen Bella Bender, Jakob Burgi, Patrizia Hinz, Katrin Uhrich und Leila Mousavi sowie Torsten und Leonard Bur als Musiker.
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